Wolfgang Beckmann (1954-2015)

"Der Himmel wird blau sein"

3.5. - 5.5.2019

Der Künstler Wolfgang Beckmann lebte in seinen letzten Jahren im Raum Dithmarschen, direkt am Deich, und so taucht das Motiv des Wassers sehr häufig in seinen Bildern auf. Er war von der Weite, der Melancholie und der diffusen Farbigkeit des Wattenmeeres fasziniert. Als genauer Naturbeobachter fing er das Spiel der Wolken, das Wandern der Schatten ein. Figuren verschmelzen mit dem Untergrund und entwachsen ihm zugleich: schemenhaft, schwerelos, kaum fassbar. Wie auch der Raum, der sich aufzulösen scheint: kein Oben, kein Unten.

 

Beckmanns Motive: Architektur aus fernen Zeiten, auftauchende und dahinschwindende Formen, in sich versunkene, lagernde Gestalten, träumende, in sich gekehrte Gesichter. Immer wieder das Motiv der geschlossenen Augen, die gesenkten Lider der Träumenden – den Blick nach außen und den Blick nach innen.

 

„Der Traum ist der beste Beweis dafür,

dass wir nicht so fest in unsere Haut

eingeschlossen sind,

wie es scheint.“

Friedrich Hebbel

 

Auch das Motiv der Bootsfahrt findet sich immer wieder, ein altes Symbol in der Kunst. Aber der Maler Wolfgang Beckmann deutete nur an. Seine Bilder bleiben offen. Er liebte das Unbestimmte und Vage. Seine Chiffren bilden keine festgelegte Ikonografie, die sich vom Betrachter in immer gleicher Weise lesen ließe. Beckmann öffnete diese Bildzeichen und gab ihnen Transparenz, so dass sie ihren Sinn auch ändern können. Die Menschen im Boot fahren in eine weite, unbestimmte Wasserlandschaft, die keine Merkmale auf einen Ort oder auf eine bestimmte Gegend zulassen. Landschaft oder Architektur sind nicht festgelegt.

 

Selbst die Menschen zeigen keine individuellen Züge, bleiben schemenhaft. Sie nehmen keinen Kontakt auf, wirken in ihrem Tun auf sich bezogen. Sie bleiben für sich wie traumverloren. So fügen sie sich in ihrer Entrücktheit und Selbstverlorenheit in die schwebende, leichte, luftdurchlässige Atmosphäre ein, werden ein Teil von ihr.

 

Die Schwerkraft scheint aufgehoben.

 

Eine sanfte Schwermut geht von dieser Standortlosigkeit, Bodenlosigkeit aus, in der Himmel und Erde unvermittelt zusammenkommen und in der dem Betrachter oft der feste Bezugspunkt genommen wird. Die leichte Melancholie, die diese schattenhaften Figuren umfließt, die sich allein durch offene Räume bewegen, auch wenn sie zu zweit sind, rief in mir sofort die Erinnerung wach an einen Gedichtanfang:

 

„Die Schatten wandeln nicht nur in den Hainen,

davor die Asphodelenwiese liegt,

sie wandeln unter uns und schon in deinen

Umarmungen, wenn noch der Traum dich wiegt.“

Gottfried Benn („Tristesse“)

 

Neben diesen zarten, hellen, dahinschwebenden Darstellungen eines traumhaften Daseins gibt es aber auch die Bilder mit festeren Konturen und dunkler, bräunlicher Farbgebung, aus der immer wieder Violetttöne hervorschimmern. Diese Bilder – von einer dunklen Poesie erfüllt – können bedrohlich wirken, weisen sie doch auf das Abgründige hin in der menschlichen Existenz.

 

In den meisten Arbeiten tauchen die Personen in der Weite des Raumes nur kleinfigurig auf. In einer Arbeit allerdings, die wie ein Schlüsselbild erscheint, erhebt sich eine männliche Gestalt dunkel und fast drohend nah vor dem Betrachter. Diese schemenhafte Figur – ganz versunken in ihr Tun – steuert einen Nachen durch ein trübes Gewässer.

 

Unwillkürlich drängt sich die Vorstellung von dem blinden Fährmann Charon auf, der die Schatten über den schlammigen Acheron setzt, den Fluss der Trauer, auf dem Weg in die Unterwelt, in den Hades, das Totenreich. (Der trübe Kokytos, der Fluss des Jammers, Lethe, der Fluss des Vergessens, aus dem die Toten trinken, und der Styx.)

 

Wolfgang Beckmann öffnet uns auf geheimnisvolle Weise die äußere Welt und wendet sich dem Unsichtbaren zu, dem Unbewussten, dem Unendlichen. Er sieht durch die äußeren Erscheinungen der Dinge und der Natur hindurch, um im Sichtbaren das Unsichtbare zu entdecken und um im Unsichtbaren das Sichtbare wiederzugeben. Der Künstler lässt uns eintreten in eine Welt, von der wir schon immer geahnt haben, der er Gestalt verleiht - und deren Suggestion wir uns nicht entziehen können.

 

Es ist das Unbestimmte in seinen Bildern, es ist das nicht Festgelegte, das Werdende, das sich noch alle Möglichkeiten der Existenz offen hält, das uns so beeindruckt.

 

Kristina Henze

 

 

 

Der Text entstand anlässlich der Ausstellung „Andere Zeit - anderer Ort“

(Kunstraum Benther Berg, Hannover 2014) und wurde leicht bearbeitet.


Elena Raulf

Ausstellung und Lesung

14.6. - 16.6.2019

 

animals I Soul

Du hast mich ersungen

  

Elena Raulf ist eine Minimalistin in Wort und Bild. Sowohl ihre Lyrik als auch ihre Malerei zeichnen sich durch eine radikale Reduktion aus. Dargestellt wird nur das Wesentliche. Ihr Sujet: die Gebiete der Seele. Bei beiden Kunstformen steht das Visuelle im Vordergrund, die Künstlerin beschreibt Bilder aus der inneren Welt. Allein was zählt ist die Wahrnehmung und Formulierung des Eigenen.

In ihrem 2014 im Berliner Verlag Lilienstaub & Schmidt erschienen Lyrikband „Du hast mich ersungen“ umreißt die Lyrikerin die großen Themen wie Trauer, Liebe, Verlust in einer radikalen Verkürzung auf Gedichte von jeweils nur wenige Zeilen. In ihrer Bilderserie animals | soul werden jeweils nur zwei Farben verwendet, in der Regel Gold und noch ein weiterer Farbton. Die Motive sind Archetypen oder Grundformen aus dem Reich der Tierwelt, wie z. B. der Vogel, die zum Teil auch in ihrer Lyrik thematisiert werden. Insofern bilden diese Gedichte und Bilder im Werk von Elena Raulf eine Einheit.


Durch ihre Einfachheit und Klarheit besitzt die Kunst von Elena Raulf eine starke Prägnanz. Sie wirkt unmittelbar. Insbesondere ihre Malerei kann hierbei auf zweierlei Arten gelesen werden kann, zum einen ästhetisch, als ein Spiel mit dem Topos des Schönen, zum anderen philosophisch-metaphysisch, als einer Veranschaulichung des Prinzips des Dualismus, im Hintergrund die monochrome Fläche, die von jeher das Unendliche, das Nichts oder die Leere repräsentiert, im Vordergrund die individuelle Form, die Idee, die hieraus hervorgeht.