Dr. Ingrid Leonie Severin

Text zur Ausstellung VERORTUNG

Von Susanne Gressmann und Matthias Oppermann

 

Susanne Gressmann und Matthias Oppermann, zwei Hamburger nstler/-innen schaffen im Spiel aus Nähe und Distanz ambivalente malerische und zeichnerische Erzählungen. Beide Künstler bringen Größenverhältnisse und Beziehungen frei und assoziativ ins Bild, verschieben spielerisch einzelne Bewegungen und Gesten, sie werden auf den Kopf gestellt, verkürzt, verlängert und überlagert und so als Spur im Bild gemalt oder gezeichnet sichtbar. In der Bestimmung der Bewegung durch mehrere imaginierte Orte erkennt man die Spur.

r beide Künstler spielen "Suchbewegungen" eine entscheidende Rolle. Ihre Bilder sind Erfahrungsräume in denen Vertrautes fremd und Fremdes vertraut aufscheint. Ihre Bezugssystem, eine Auseinandersetzung mit neuen und alten Bildern, kommt einer Befreiung gleich. Wir sind eingeladen, diese Suchbewegungen nachzuvollziehen.

 

Bei Susanne Gressman kommt dieser Vorgang eher einem Fährtenlesen in Sedimenten und Schichten gleich. Ihre Bilder, wie beispielsweise „Bruchstücke“ aus der Serie „Totholz“, speisen Zustandsassoziationen von Substanz in ihrem Leben und Vergänglichkeit aus Überlagerungen von Zeit im Raum. Nähe und Distanz amalgamieren und werden in diesen Daseinszuständen aufgehoben. Das Aktive und das Werdende des Bildes ist wichtig, eine Zeitlichkeit im Bild, die nicht als das Dasein seiner Substanz in der Zeit begriffen wird, sondern als intensives Dasein der Zeit im Bilde.1 Spuren sind jedoch nicht nur beredte Beweise von Unwiederbringlichkeit. Sie bewahren nicht nur Vergangenheit, sie bewahren uns auch vor ihr, denn wo nichts bliebe, könnte sich alles beliebig wiederholen. Deshalb, so der Philosoph Niklas Luhmann bedeutet Gedächtnis nicht etwa Speicherung von etwas Vergangenem [...], sondern Hinausschieben der Wiederholung.2

Die im September diesen Jahres entstandenen Pastelle mit Titeln wie Wegewart oder Überlebenskünstler sind wie flüchtige Abdrücke3, so wie das gegenwärtige Leben. Ihr Material, das pudrige Pastell, das schwer zu fixieren ist, denn bei Fixierung verändert sich der Farbton und mit der Zeit lösen sich Pigmentpartikel, wenn sie ihre Haftung verlieren. Es ist also eine fragiles Material, das leicht verwischt, verändert oder zerstört werden kann. Wir gehen wahrscheinlich nicht zu weit, wenn wir immanent im Material eine Zeitdiagnose diagnostizieren… 

Bei Matthias Oppermann hingegen, der explizit einen neuen Weg in seinem Schaffen beschreitet, entwickelt sich das Spurenlesen von Innen nach Aussen. Es werden zwei unterschiedliche Werkgruppen gezeigt. Die erste Werkgruppe besteht aus Arbeiten, die sich der Darstellung von männlichen und weiblichen Körpern widmen, diese einem von Innen heraus gesteuerten Prinzip unterwerfen, die Körper selbst als Landschaften begreifen, die das Innere nach außen stülpen. Der Künstler arbeitet dabei mit all jenen aus seiner inneren optischen Bibliothek stammenden Bildern, Formen und Erinnerungen: „Es sind mehr emotionale, gefühlte Bilder. Auch die Linie ist mehr aufgeladen. Ich habe begonnen (oft auf frühere Bilder oder Malgründe) mehr oder weniger blind das zu zeichnen, was mir als inneres Bild z.B. von einem männlichen oder weiblichen Körper erscheint. Ich komme in den Bildern zunächst wieder mehr zum Körper (ein altes Thema, das durch die Landschaft abgelöst wurde - wo ich aber letztendlich auch immer wieder Körper finde.)“ „

Früher war es für ihn so, dass beim Zeichnen von Landschaft, Körpern der Blick, die Proportion eine große Rolle spielte. Es wurde gemessen, in Proportion oder Verbindung gebracht. Alles wurde dem Blick untergeordnet. Dabei werden körperliche Bewegungen mit dem Zeichenstift gebremst, kanalisiert. Darauf hatte Matthias Oppermann allerdings keine Lust mehr- jetzt gilt das umgekehrte, die frei und intuitiv gesetzten Linien und Formen befreien die Körper quasi von ihrer Begrenztheit, machen innere Strukturen durch äußere Übermalungen und Überzeichnungen sichtbar, expressiv herkömmliche Sichtweisen negierend. Wo das hinführt, weiß er noch nicht…es ist aber von großer Bedeutung für ihn, offensichtlich ein Weg der Befreiung von eigenen Routinen.

 

Die zweite Werkgruppe besteht aus Landschaftsaquarellen, die unmittelbar nach Skizzen in der Natur entstanden. Sie entstanden im Juli im Mark Dion House in Gartow. Dort wohnte er und zeichnete und skizzierte in der „Seegeniederung“, malte anschließend diese Aquarelle. Dazu schreibt er: „Die Skizze schaffte die Idee eines Raumes, ein Konzept oder eine Konstruktion des Raumes, in den dann in vielen Schichten die Farbe hineinfloß. Bezogen auf die Seegeniederung ist hier eine Verbindung, weil bei Elbhochwasser dort alles überschwemmt ist.“ Dabei entstehen Landschaftsbilder, die mehr vom subjektiven, momentanen Eindruck geprägt sind, Farbfelder, die sich vom Gesehenen lösen und davon unabhängig ihre eigene kompositorische Qualität entwickeln. Das Gesehene wird so zum Steigbügelhalter für das darin enthaltene Unsichtbare, das Außen zum Katalysator für das Innere…

 

 

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1 Georges Didi-Huberman, Phasmes. Essays über Erscheinungen von Photographien, Spielzeug, mystischen Texten, Bildausschnitten, Insekten, Tintenflecken, Traumerzählungen, Alltäglichkeiten, Skulpturen, Filmbildern, Köln 2001.

2 Niklas Luhmann, Die Kunst der Gesellschaft, Frankfurt am Main 1995 , S. 170.
3 Georges Didi-Huberman, Ähnlichkeit und Berührung. Archäologie, Anachronismus und Modernität des Abdrucks, Köln 1999